Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die NS-Zeit eine Kultur auslöschte
Cordula RingHalberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die NS-Zeit eine Kultur auslöschte
Halberstadts jüdische Geschichte wurde zwischen 1938 und 1942 fast ausgelöscht, als die einst blühende neo-orthodoxe Gemeinde systematisch zerstört wurde. Die Gewalt der Pogromnacht im November 1938 markierte den Beginn dieser Verwüstung – angefangen mit der Zerstörung der Stadt-synagoge. Jahrzehnte später nahmen die Bemühungen, diese Vergangenheit zu bewahren, Gestalt an: durch Mahnmale, Literatur und Forschung – wenn auch nicht ohne Widersprüche.
Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Halberstadts vollzog sich rasant nach den Novemberpogromen von 1938. Bis 1942 waren nahezu alle Spuren ihrer Mitglieder getilgt, zurück blieben nur wenige Überlebende. Zu ihnen gehörte Willy Calm, der 1961 als letzter Jude der Stadt und offizieller Vertreter der einstigen Gemeinde galt.
Schon 1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal, das an die Opfer der Zwangsarbeit erinnerte – viele von ihnen waren unter den grausamen Lagerbedingungen ums Leben gekommen. 1969 wurde die Gedenkstätte umgestaltet, um als Versammlungsort für politische Treuegelöbnisse zu dienen – erbaut direkt über den Gräbern der Häftlinge. Die unterirdischen Stollen des Lagers wurden in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.
Auch literarische Werke bewahrten Fragmente dieses verlorenen Erbes. Romane wie Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel und Jakob der Lügner von Jurek Becker, beide in der DDR erschienen, hielten jüdische Geschichten im Gedächtnis. Doch diese Bemühungen standen im Schatten von Widersprüchen. Die niederländische Widerstandskämpferin und Sängerin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und nahm dort drei Langspielplatten auf. Nach dem Sechstagekrieg 1967 jedoch wurden ihre Aufnahmen aus dem Programm gestrichen – ein Zeichen für den Wandel der politischen Haltung.
Erst jüngst untersuchte Philipp Graf in seinem Buch Verweigerte Erinnerung die jüdische Geschichte Halberstadts unter der DDR und zeigte auf, wie deren antifaschistische Politik diese Vergangenheit oft nur unzureichend aufarbeitete. Selbst heute hallen alte Vorurteile nach. Als 2018 das Grundstück der Rathauspassagen in Halberstadt verkauft wurde, machten Gerüchte von einem „Verkauf an die Juden“ die Runde – ein Beleg dafür, dass historische Wunden noch lange nicht verheilt sind.
Halberstadts jüdisches Erbe lebt in Mahnmalen, Literatur und Forschung weiter, doch die Auslöschung während der NS-Zeit hinterließ tiefe Narben. Die Versuche der Stadt, sich dieser Geschichte zu stellen – durch Denkmäler, Bücher oder politische Gesten –, verliefen ungleichmäßig. Manche Geschichten wurden bewahrt, andere zum Schweigen gebracht, und die Schatten der Vergangenheit brechen bis heute auf unerwartete Weise wieder auf.






