31 January 2026, 14:43

Missbrauchsskandal im Turnsport: Trainer vor Gericht – Systemversagen bis in die 2000er

Eine Frau führt Gymnastik auf einem Balancebeam in einer Turnhalle durch, umgeben von Zuschauern auf Bänken und einigen Stehenden unter Deckenbeleuchtung, dargestellt in Schwarz-Weiß.

Missbrauchsskandal im Turnsport: Trainer vor Gericht – Systemversagen bis in die 2000er

Ein flächendeckender Missbrauchsskandal erschüttert den deutschen Turnsport: Mehrere Trainer stehen wegen Vorwürfen körperlicher und seelischer Gewalt vor Gericht. Die Krise begann nach dem Rücktritt der Turnerin Meolie Jauch Ende 2024, der eine Welle von Anschuldigungen auslöste, die bis in die frühen 2000er-Jahre zurückreichen. Mittlerweile richten sich die Ermittlungen auch gegen prominente Persönlichkeiten – darunter zwei ehemalige Trainer, die ihre Kündigungen erfolgreich vor Gericht anfochten.

Der Skandal gewann an Fahrt, als Jauch nach ihrem Karriereende öffentlich über jahrelange Misshandlungen sprach. Ihre Aussagen ermutigten andere Betroffene, ähnliche Vorfälle zu schildern: Sie berichteten von Drohungen, Demütigungen und Zwangstraining trotz Verletzungen. Einige Athletinnen traten sogar mit Knochenbrüchen an, erhielten keine medizinische Versorgung und wurden unter Druck gesetzt, mit Schmerzmitteln weiterzutrainieren.

Im Januar 2025 reagierte der Deutsche Turner-Bund (DTB) mit einer externen Untersuchung. Ein unabhängiger Expertenrat sollte die Vorwürfe prüfen, insbesondere den Vorwurf des 'versuchten und vorsätzlichen Körperverletzungsdelikts sowie Nötigung durch Untätigkeit'. Zu den Beschuldigten zählen Thomas Gutekunst, Leiter des olympischen Spitzensports, und Alfons Hölzl, ehrenamtlicher DTB-Präsident.

Kurz darauf folgten juristische Schritte: Ende Januar wurden die renommierten Trainer Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti entlassen, später jedoch nach Klagen vor den Arbeitsgerichten wieder eingesetzt. Dennoch ermitteln die Staatsanwaltschaften weiter – bis Dezember 2025 gegen Mai, Camiciotti und einen dritten Trainer aus Stuttgart. Ihnen werden über 25 Fälle von gefährlicher oder vorsätzlicher Körperverletzung sowie Nötigung vorgeworfen.

Der Landessportverband Baden-Württemberg reagierte umgehend und setzte die Förderung für Trainer und Leistungssportler bis zum Abschluss der Ermittlungen aus. Parallel sammelt eine von Klaus Pflieger geleitete Arbeitsgruppe Aussagen betroffener Turnerinnen. Im Februar 2025 weiteten die Ermittler ihre Untersuchungen aus: Ein weiterer Trainer des Stuttgarter Kunstturn-Forums gerät wegen wiederholter Nötigungsvorwürfe in den Fokus.

Bisher gab es keine öffentlichen Ankündigungen zu Änderungen in der Finanzierung oder Aufsicht der Trainingsstrukturen zwischen der Baden-Württembergischen Sportjugend und der Schwäbischen Turnerschaft.

Der Skandal hat nicht nur juristische Auseinandersetzungen und Fördersperren ausgelöst, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zu Trainingsmethoden im deutschen Spitzensport auf. Während die Ermittlungen noch laufen, wird sich zeigen, inwieweit Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen und Reformen umgesetzt werden. Im Mittelpunkt stehen weiterhin die Zeugenaussagen der Athletinnen und die Ergebnisse des unabhängigen Expertenrats.