"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquitärer Verlangen
"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren
Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Interpretation von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.
Die Komische Oper Berlin zeigt eine mutige Neuinszenierung von Salome, Richard Strauss’ umstrittenem Opernklassiker aus der Zeit um 1900. Ursprünglich von der Wiener Hofoper verboten, erhält das Werk nun unter der Regie von Evgeny Titov eine frische Deutung. Die Vorstellungen finden am 7., 12. und 18. Dezember statt und bieten dem Publikum einen packenden Blick auf diesen einst skandalumwitterten Stoff.
Titovs Inszenierung taucht die Zuschauer in eine Welt ein, in der das Begehren jeden Charakter beherrscht. Selbst Jochanaan, der gefangene Prophet, ringt mit eigener Sehnsucht – ein Bruch mit der üblichen Darstellung seiner unerbittlichen Reinheit. Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus zeigt einen kargen, matt-goldenen Gewölberaum, der die bedrückende Atmosphäre der Oper unterstreicht.
Nicole Chevalier übernimmt die Rolle der Salome und liefert eine Darstellung, die sowohl gesangliche Kraft als auch körperliche Ausdauer erfordert. In eine enge weiße Kapuze gehüllt, bewegt sie sich über das unebene Bühnenrelief, während sie sich gegen Strauss’ dichte Orchestrierung behauptet. Einer der eindrucksvollsten Momente der Produktion ist Salomes Tanz, bei dem mehrere maskierte Tänzer eine Illusion erschaffen, die Herodes’ Begierde schürt – nicht nach der Realität, sondern nach dem Unerreichbaren. Matthias Wohlbrechts Herodes wirkt bedrohlich, seine Stimme scharf und von Furcht durchzogen. Die an BDSM angelehnte Ästhetik des Hofes verblasst jedoch an entscheidenden Stellen, sodass einige von Titovs Entscheidungen inkonsistent wirken. Historisch gesehen war die Berliner Uraufführung von Salome mit einer Auflage verbunden: Im Finale musste der Stern von Bethlehem erscheinen – ein Detail, das die anhaltende Provokationskraft der Oper unterstreicht.
Diese Inszenierung von Salome bietet eine optisch beeindruckende und stimmlich anspruchsvolle Interpretation von Strauss’ Werk. Mit den Vorstellungen im frühen Dezember gibt die Komische Oper Berlin die Gelegenheit, einen Klassiker neu erlebt zu sehen – für ein modernes Publikum. Die kühnen Entscheidungen der Regie, vom Bühnenbild bis zur Erforschung des Begehrens, sorgen dafür, dass die Produktion noch lange nach dem Fall des Vorhangs Gesprächsstoff liefert.