"Schwarzer Donnerstag": Wie Stuttgart 21 die Politik Baden-Württembergs für immer veränderte
Wenzel Weinhold"Schwarzer Donnerstag": Wie Stuttgart 21 die Politik Baden-Württembergs für immer veränderte
Vor 15 Jahren erreichte der Konflikt um Stuttgart 21 am "Schwarzen Donnerstag" seinen Höhepunkt
Am 30. September 2010 eskalierte die Gewalt, als die Polizei Demonstranten aus dem Stuttgarter Schlossgarten räumte. Hundert Menschen wurden verletzt, die Folgen veränderten die Politik Baden-Württembergs nachhaltig und hinterließen tiefe Spuren bei den Beteiligten.
Der Tag begann mit einem Großeinsatz der Polizei, um Protestierende aus dem Schlossgarten zu entfernen. Beamte setzten Wasserwerfer und Gewalt ein – das Ergebnis war Chaos. Unter den Verletzten war Dietrich Wagner, ein 72-jähriger Demonstrant, der von einem Wasserstrahl ins Gesicht getroffen wurde. Der Aufprall kostete ihn fast das Augenlicht und machte ihn zum Symbol für die Brutalität dieses Tages.
Wagner hatte vor dem "Schwarzen Donnerstag" nie an Protesten teilgenommen. Nach dem Vorfall wurde er zu einer bekannten Figur, besuchte Gerichtsverhandlungen und Gedenkfeiern. Trotz gesundheitlicher Probleme blieb er bis zu seinem Tod im Juni 2023 mit 79 Jahren bei Demonstrationen präsent.
Die politischen Folgen folgten umgehend. Stefan Mappus, damals CDU-Ministerpräsident, hatte die Polizeimaßnahmen am Vortag genehmigt. Zwar ließ sich kein direkter Zusammenhang nachweisen, doch seine Beliebtheit stürzte ab. Nach der CDU-Niederlage bei der Wahl 2011 trat er als Parteichef zurück und zog sich aus der Politik zurück. Im April 2024 kehrte er als Vorstandsvorsitzender der Münchner Eutop Group in die Öffentlichkeit zurück.
Auch Tanja Gönner, CDU-Ministerin für Verkehr und Umwelt, sah ihre Karriere enden. Sie nahm 2011 an den von Heiner Geißler geleiteten Schlichtungsgesprächen teil, verlor aber nach der Wahl ihr Mandat. Die Grünen hingegen stiegen zur dominierenden Kraft auf, erreichten 2021 33 Prozent und regierten in einer Koalition mit der CDU. Bei der Wahl 2026 hielten sie sich knapp, während die AfD ihre Unterstützung verdoppelte – vor allem durch ehemalige CDU-Wähler.
2015 entschuldigte sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann offiziell bei Wagner und anderen Verletzten. Matthias von Herrmann, einer der wichtigsten Protestorganisatoren, wechselte später in die PR-Beratung. Das Projekt Stuttgart 21 wurde zwar weitergeführt, doch die Auseinandersetzungen prägten die politische Landschaft und das kollektive Gedächtnis der Region.
Der "Schwarze Donnerstag" veränderte Baden-Württembergs Politik für mehr als ein Jahrzehnt. Die CDU verlor ihre Vorherrschaft, die Grünen wurden zur führenden Regierungspartei. Für Wagner und andere zogen sich die Verletzungen und juristischen Kämpfe durchs Leben – bis zum Ende.