Warum sich seit Hitzlspergers Coming-out kein Profifußballer mehr geoutet hat
Antonio SchleichWarum sich seit Hitzlspergers Coming-out kein Profifußballer mehr geoutet hat
Thomas Hitzlsperger sorgte 2014 für Schlagzeilen, als er als erster professioneller deutscher Fußballspieler öffentlich seine Homosexualität bekannte. Seine Offenbarung löste breite Aufmerksamkeit und Anerkennung aus – sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte ihm. Doch ein Jahrzehnt später hat sich kein weiterer Profispieler in Deutschland zu diesem Schritt entschlossen.
Hitzlspergers Entscheidung, seine sexuelle Orientierung zu offenbaren, löste Debatten über die Herausforderungen aus, mit denen schwule Fußballer konfrontiert sind. Damals hatte DFB-Trainer Joachim Löw ihm noch davon abgeraten, sich früher zu outen, und dabei Bedenken wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit und des Leistungsdrucks geäußert, der daraus entstehen könnte.
Die Fußballwelt kann für homosexuelle Spieler besonders hart sein. In der Kabinenkultur sind feindselige Äußerungen, Beleidigungen und Spott an der Tagesordnung. Christian Dobrick, ein Jugendtrainer beim FC St. Pauli, erklärte, dass viele talentierte schwule Fußballer den Sport lieber verlassen, als ein Doppelleben zu führen oder mögliche Anfeindungen zu ertragen. Andere wiederum, so Dobrick, verschwenden Energie für Probleme, die nichts mit dem Sport zu tun haben – was ihre Karrierechancen im Profibereich beeinträchtigen kann.
Die Laufbahnen von Fußballern werden maßgeblich von Trainern, Beratern und Agenten geprägt, die Spieler oft davon abhalten, sich zu outen. Viele von ihnen fürchten, dass dies den Marktwert eines Spielers mindern könnte. Marcus Urban, ein ehemaliger Nachwuchsspieler, der heute schwule Fußballer begleitet, hatte für 2024 einen „Coming-out-Tag“ gefordert – doch kein Spieler nutzte die Gelegenheit. Statistisch gesehen könnten etwa 45 der rund 900 Profifußballer in Deutschland in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben, doch seit Hitzlsperger hat sich niemand mehr öffentlich dazu bekannt.
Hitzlspergers Coming-out bleibt ein Meilenstein im deutschen Fußball. Doch die Tatsache, dass seitdem keine ähnlichen Bekenntnisse folgten, unterstreicht die anhaltenden Barrieren. Der Sport ringt nach wie vor mit einer Kultur, die viele Spieler davon abhält, ihre sexuelle Orientierung offen zu leben.






