Freiburgs ruhiger OB-Wahlkampf: Wer führt die Stadt in eine unsichere Zukunft?
Antonio SchleichFreiburgs ruhiger OB-Wahlkampf: Wer führt die Stadt in eine unsichere Zukunft?
Sieben Bewerber:innen kämpfen um das Amt des Freiburger Oberbürgermeisters – eine Wahl im Zeichen der Gelassenheit
Die Wahl des neuen Freiburger Oberbürgermeisters wird von einer ungewöhnlich ruhigen und sachlichen Kampagne geprägt. Anders als in anderen Städten, wo politische Grabenkämpfe und aggressive Debatten an der Tagesordnung sind, verläuft der Wahlkampf hier gelassen – sowohl in der digitalen als auch in der realen Welt weitgehend frei von Feindseligkeiten. Zu den Favoriten zählen Amtsinhaber Martin Horn, die linksgerichtete Herausforderin Monika Stein sowie der CDU-Kandidat Achim Wiele, die jeweils unterschiedliche Visionen für die Zukunft der Stadt vertreten.
Die Wahl findet zu einer Zeit statt, in der Freiburg mit anhaltenden Herausforderungen ringt – von Drogenproblemen am Stühlinger Kirchplatz bis hin zu den Nachwirkungen spektakulärer Verbrechen wie dem Mord an Maria Ladenburger 2016. Dennoch bleibt die politische Kultur der Stadt auffällig zivilisiert; selbst rechtsextreme Gruppen schreiben Freiburg längst als ungewinnbares Terrain ab.
Martin Horn führt die Stadt seit acht Jahren an. 2018 trat er sein Amt überraschend an, nachdem er den langjährigen Grünen-Oberbürgermeister Dieter Salomon besiegt hatte. Mit damals nur 32 Jahren war Horn ein relativer Außenseiter – weder ein gebürtiger Freiburger noch eine bekannte Persönlichkeit. Seine Amtszeit fiel zusammen mit Bemühungen, die Kriminalität in Problemvierteln wie dem Bermudadreieck, einem Nachtleben-Hotspot mit gelegentlichen Gewalt- und Drogenvorfällen, in den Griff zu bekommen.
Der Mord an der Medizinstudentin Maria Ladenburger durch einen Asylbewerber im Jahr 2016 erschütterte die Stadt und zwang sie, sich mit Fragen der Sicherheit und Integration auseinanderzusetzen. Seither hat Freiburg soziokulturelle Projekte zur Belebung benachteiligter Stadtteile vorangetrieben, doch einige Probleme – etwa der offene Drogenhandel – bestehen fort. Allerdings zeigen sich die Bürger:innen hier oft toleranter als in anderen deutschen Städten.
Die Herausforderin Monika Stein, Pädagogin und Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, hat sich als starke Anwärterin mit überparteilicher Unterstützung etabliert. Zu ihren Vorschlägen gehören die Umwandlung der alten Stadthalle in ein Kulturzentrum sowie die Neugestaltung des Flugplatzgeländes mit einer Mischung aus Gewerbeflächen und grünen Korridoren. Selbst konservative Stimmen attestieren ihren Plänen Pragmatismus. Mit der Unterstützung von Linken und Grünen verfügt sie mittlerweile über die Rückendeckung einer Mehrheit im Stadtrat – ein deutlicher Vorteil für ihre Kandidatur.
Der ehemalige Stadtrat Sebastian Müller, einst bei der "Jungen Liste Freiburg" aktiv, setzt sich mittlerweile außerhalb der klassischen Parteipolitik für Veränderung ein. Mit seiner Initiative Balkon Solar wirbt er für eine dezentrale Solarstromerzeugung durch Bürger:innen und strengere Datenschutzbestimmungen. Seine Arbeit spiegelt einen größeren Trend wider: Basisbewegungen prägen zunehmend die lokalen Debatten.
Der CDU-Kandidat Achim Wiele komplettiert das Trio der Spitzenkandidat:innen, doch seine Partei hat in Freiburg einen schweren Stand – in einer Stadt, in der die Rechte seit Langem keine Chancen für sich sieht. Ohne größere Skandale oder erbitterte Konflikte verläuft der Wahlkampf in einem Tempo, das manche fast als gemächlich bezeichnen – ein deutlicher Kontrast zu den polarisierten Kampagnen in anderen deutschen Kommunen.
Das Wahlergebnis wird entscheiden, ob Freiburg unter Horns Führung weiterregiert wird oder mit Steins kulturellen und ökologischen Reformen einen neuen Kurs einschlägt. Wiele vertritt zwar eine weniger präsente Kampagne, doch sein Antreten zeigt den Versuch der CDU, in einer Stadt mit schwacher konservativer Verankerung relevant zu bleiben. Unabhängig vom Ausgang wird der oder die neue Oberbürgermeister:in eine Stadt erben, die für progressive Werte, hartnäckige städtische Herausforderungen und ein politisches Klima bekannt ist, das im nationalen Vergleich ungewöhnlich harmonisch wirkt.






